Barbara Beer

Geschichten vom Werden und Vergehen

Die Zyklen des Lebens sind ein zentraler Inhalt meiner Kunst. Meine Bilder erzählen Geschichten vom Werden und Vergehen, von Entfaltung, Brüchen, Narben und deren Wandlung und Transformation zu etwas Neuem. Sie erzählen Erdgeschichte, Frauengeschichte und individuelle Lebensgeschichten.

Diese ständigen Wandlungsprozesse, die Bewältigung von Verlusten, Traumata und Einbrüchen im Leben sind der Schwerpunkt meiner therapeutischen Arbeit als Traumatherapeutin und ich habe dieses Jahr beschlossen, diesen Aspekten, die auch Teil meiner Kunst sind, in der Atelierausstellung einen Platz zu geben.

Sie finden hier überwiegend Bilder, die die Verarbeitung von Verlusten und Traumata zum Ausdruck bringen. Darin sind z.T. sehr persönliche Erfahrungen verarbeitet, andere widmen sich den Kriegstraumatisierungen meines Vaters, viele sind Ausdruck der grundlegenden Prozesse, die aus etwas Zerstörtem, Verletztem oder Gestorbenen wieder etwas Neues erwachsen lassen. Es sind Bilder der Integration und Heilung solcher Erfahrungen.

In meinen Bildern verwende ich auch viele uralte Symbole aus der Steinzeit, da diese für mich einen ganzheitlichen symbolischen Rahmen bilden, in dem das ständige zyklische Werden, Vergehen und Wiedererstehen von Lebendigem seit Urzeiten symbolisch gehalten ist.

Flug der Kraniche, 2012

Abschied

Wie hab das gefühlt, was Abschied heißt.

Wie weiß ich’s noch: ein dunkles unverwundnes grausames Etwas, das ein Schönverbundnes

Noch einmal zeigt und hinhält und
zerreißt .
 

R.M. Rilke

Mein Atem

In meinen Tiefenträumen weint die Erde Blut
Sterne lächeln in meinen Augen
Kommen Menschen mit vielfarbnen Fragen
Geht zu Sokrates
antworte ich
Die Vergangenheit
hat mich gedichtet
ich habe
die Zukunft geerbt
mein Atem heißt
jetzt 

R. Ausländer

Frühling

Mit dem Akazienduft
fliegt der Frühling
in dein Erstaunen

Die Zeit sagt
ich bin tausendgrün
und blühe in vielen Farben

Lachend ruft die Sonne
ich schenke euch wieder
Wärme und Glanz

ich bin der Atem der Erde
flüstert die Luft

Der Flieder
duftet
uns jung

R. Ausländer

Du musst das Leben nicht verstehen

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen sich viele Blüten schenken läßt.

Sie aufzusammeln und sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

R. M. Rilke

Lebenstanz, 2012

Ich ließ meinen Engel lange nicht los

Ich ließ meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte in meinen Armen
und wurde klein, und ich wurde groß:
und auf einmal war ich das Erbarmen,
und er eine zitternde Bitte bloß.
Da hab ich ihm seinen Himmel gegeben, –
und er ließ mir das Nahe,
daraus er entschwand;
er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
und wir haben langsam einander erkannt …
Seit mich mein Engel nicht mehr bewacht,
kann er frei seine Flugel entfalten
und die Stille der Sterne durchspalten, –
denn er muß meiner einsamen Nacht
nicht mehr die ängstlichen Hände halten –
seit mein Engel mich nicht mehr bewacht.
Hat auch mein Engel keine Pflicht mehr,
seit ihn mein strenger Tag vertrieb,
oft senkt er sehnend sein Gesicht her
und hat die Himmel nicht mehr lieb.
Er möchte wieder aus armen Tagen
über der Wälder rauschendem Ragen
meine blassen Gebete tragen
in die Heimat der Cherubim.
Dorthin trug er mein frühes Weinen
und Bedanken,
und meine kleinen Leiden
wuchsen dort zu Hainen,
welche flüstern über ihm …
Und in den Augen lag
Glanz vom ersten Tag …
aber weit über allem war 
ragend das tragende Flügelpaar …

R. M. Rilke

Text zur Ausstellung Atelierrundgang | Landrosinen 20?? © Barabara Beer

Ostara, 2007