Barbara Beer

Weiß
Rot
Schwarz

Text aus dem Flyer zur Ateleierausstellung im Rahmen des Landrosinen Atelierrundganges 2016

Weiß Rot Schwarz

Mich interessieren Prozesse der Wandlung: Werden, Form annehmen, Formauflösung, Transformation, Neubeginn.

Diesen Transformationsprozessen, die in allem was existiert ständig ablaufen, gebe ich in meinen Arbeiten Ausdruck. Dabei verbinde ich ganz persönliche Erfahrungen der Wandlung mit kollektiven Erfahrungen und universell zu beobachtenden Abläufen.

Hinter „Erdmalerei“ verbergen sich nicht nur die verschiedensten Erden und Naturmaterialien, die ich in meinen Arbeiten verwende, sondern es ist auch der Versuch, diese Lebens- und Wandlungsprozesse in ihrer Vielschichtigkeit zu erfassen und dafür neue Qualitäten des Ausdrucks und der Gestaltung zu finden. Symbole aus der frühen Entwicklungsgeschichte der Menschheit haben mich dabei immer wieder inspiriert.

In der Alt- und Jungsteinzeit finden sich unendlich viele Frauenfiguren. Diese weisen auf ein kosmisches und zyklisches Weltbild hin, in dem Lebensprozesse bewusst erfasst und symbolisch ausgedrückt wurden.

Da Frauen Kinder austragen und gebären, monatlich bluten und durch ihre Brüste Lebensnahrung hervorbringen, sterben und vergehen, um als Tochter wiedergeboren zu werden, wurden sie und der weibliche Körper zum Inbegriff und Symbol lebenserhaltender, sich stets wandelnder und erneuernder Schöpfungs- und Wandlungsfähigkeit.
Lebendigkeit, Fruchtbarkeit, Tod und Wiedergeburt wurden rituell gefeiert.
Viele dieser Bräuche und Symbole finden sich bis heute in traditionellen, bäuerlichen Festen, in Riten und Märchen.
Auch – und besonders – von der Kirche wurden sie übernommen und abgewandelt. Auch dort findet sich die Dreifaltigkeit sowie Maria als die Mutter Gottes (rot), als Himmelsgöttin (weiß) und als schwarze Maria.

Die Erde wurde als mütterlich begriffen: Als eine, die Leben hervorbringt, Wachsen und Gedeihen ermöglicht und das Gestorbene und die Gestorbenen wieder in ihrem Erdschoß aufnimmt, Zerfall und Auflösung bewirkt, um es schließlich in Form neuen Lebens wieder hervorzubringen.
Auch kosmische Prozesse wurden als zyklisch erkannt, als ein immerwährendes Wiederauftauchen und Untergehen. Die Mondphasen wurden schon in der Steinzeit sehr differenziert dargestellt, wie auch das Verschwinden und Wiederauftauchen der Sonne und der Sternbilder.
Kosmos, Erde und Natur wurden als große Schöpfungs- und Wandlungsmacht gesehen, als weibliche Qualität, und ihr stetiger Wandel als Dreiheit dargestellt. Die drei Aspekte repräsentierten also drei wesentliche, zyklisch wiederkehrende Prozesse: den Neubeginn (Weiß), die Entfaltung und Fülle (Rot) und das Vergehen, Sterben (Schwarz).

Die Weiße

Die weiße, lebensstimulierende Qualität findet sich in der Jugend, im Frühling, den Blüten und aufgehenden Samen, im zunehmenden Mond und am frühen Morgen. Sie ist die kosmische Himmelsgöttin, das Mädchen, die freie junge Frau der Wälder (Diana) und auch die Hebamme und Heilerin. Schneewittchen verkörpert bis in die Neuzeit hinein den Aspekt der weißen, ,,jungfräulichen“ Göttin, das Werden und Aufblühen.

Die Rote

Die rote Kraft wird verkörpert durch die reife Frau, die Erde, das Meer. Sie steht für Fülle, Sexualität und die Fähigkeit, Leben hervorzubringen, zu erhalten und zu nähren. Zu dieser roten Qualität gehört der Vollmond, die Früchte, als Jahreszeit der Sommer – wenn alles reift und in seiner ganzen Fülle präsent ist, als Tageszeit der Mittag, als Lebensalter die fruchtbaren Jahre der sexuellen Reife und Mutterschaft. Demeter als Kornmutter ist bis heute ein Begriff für gesundes Wachsen und Reifen der Früchte der Erde.

Die Schwarze

Der schwarze Aspekt steht für Prozesse der Transformation: Symbolisiert wird dieser in der Schnitterin, die die Ernte einbringt und Weisheit und Alter verkörpert. In den Märchen findet sich diese Seite bis heute in Frau Holle wieder, die Herrscherin der Unterwelt und Meisterin der Initiation junger Frauen.
Als weise Frau wusste sie um die Prozesse von Leben und Tod, kannte sich mit Heilung und Wandlung aus, fungierte als Hebamme und Sterbebegleiterin oder als Priesterin, die andere einweihte und die die Macht der Magie beherrschte, also einen Zustand in einen anderen überführen konnte.
Sie steht für alle Phasen des Überganges: für Sterben und Auflösung. Sie ist aber auch die Garantin für die Möglichkeit des Neubeginns. Sie bewirkt den Prozess der unterirdischen Wandlung, der Wieder-Geburt ermöglicht. Tod, Wandlung und Wiedergeburt, das Dunkle, Unsichtbare, die Unterwelt, der Neumond und die Nacht werden mit dieser Qualität verbunden, als Lebenszeit das Alter, die Weisheit, der Tod.

Im zyklischen Weltverständnis sind diese Prozesse nicht getrennt voneinander, sondern bedingen und beinhalten sich gegenseitig. Wie Jing und Jang enthalten alle auch die beiden anderen. So findet man fast jede Göttin der Urzeit und des Altertums in allen drei Funktionen und Aspekten. So wie Schneewittchen, obwohl sie die weiße, jugendliche Göttin des Neuanfangs, der Wildheit und Ungebundenheit repräsentiert, nicht nur „weiß wie Schnee“, sondern auch „rot wie Blut“ und „schwarz wie Ebenholz“ ist.

So präsentieren die weißen, roten und schwarzen Qualitäten das ganze Leben, in dem ständig Neubeginn, Fülle und Sterben stattfindet. Gleichzeitig, zu jeder Lebens-, Tages- und Jahreszeit.
Jeder Zyklus beinhaltet und braucht auch die Qualitäten der anderen, auch wenn eine überwiegt oder im Vordergrund steht. Dies garantiert Leben und macht Lebendigkeit aus: Ein ständiger Wandel, der in den Symbolen und Farben der Göttin, des Lebens, der Erde, des Kosmos in unendlicher Vielfalt Ausdruck findet, sichtbar und bewusst erfahrbar wird.

In der Atelier-Ausstellung zeige ich Arbeiten, in denen diese „drei Farben“ bewusst gewählt wurden, um die jeweiligen Prozesse hervozuheben. Die Wandlungsphasen wurden, zum Teil inspiriert von steinzeitlichen Symbolen, figürlich gestaltet oder die drei Qualitäten mündeten in abstrakten Bildern.

Text und Bilder: © Barbara Beer 2016