Barbara Beer

Erdmalerei

Rede von Susanne Weik zur Finissage der Ausstellung „Erdmalerei“ im April 2014

Einige hatten schon das Vergnügen mit Barbara zu malen, von ihr inspiriert zu werden und dabei ihr abenteuerlustiges Gestalten mitzuerleben. Sie legt einfach los, voller Experimentierfreude, probiert aus, schöpft großzügig aus Farbtöpfen und Spachtelmassen, mischt Erde, Sand und Asche mit Bindemitteln, greift ungeniert nach unterschiedlichen Materialen.

Ihr Fundus ist groß. Und die Gläser mit Erden, die aneinandergereiht auf den Regalen stehen, sind beeindruckend in ihrer Farbigkeit. Von ganz Hell über Gelb, Orange bis Dunkelrot, von Rosa über Braun bis Schwarz. Mitgebracht von Reisen nach Island, Neuseeland, durch Europa, von Wanderungen im Kellerwald und geschenkt von Freundinnen und Freunden, die in Afrika, in der Sahara und woanders waren.

So verbindet Barbara Beer Erden aus allen Kontinenten, baut Haare, Weisheitszähne und Plastikschweine ein, verarbeitet Federn, Hühnerdraht und Rinden, Bauschutt, Spiegelscherben und Metalle. Ihre Verspieltheit verbindet sich mit dem Mut abzuwarten und weiter zu machen, bis sich etwas erschließt, Sinn sich auftut. Sie hat die Ausdauer, die Schichtungen sich verbinden zu lassen zu einem Ganzen. Schöpferinnenkraft pur. Nicht zuletzt machen ihr handwerkliches Geschick, ihre Genauigkeit und ihre Neugierde es möglich, sich viele unterschiedliche Techniken zu erarbeiten und sie miteinander zu kombinieren, wie Erdmalerei, Malen mit Acryl, Replikate herstellen – das ist eine Kunst für sich – Zeichnen, Pastellkreiden, Schnitzen, Skulpturen herstellen, Papiere miteinbeziehen und anderes mehr.

Neben dieser Unerschrockenen und Abenteuerlustigen gibt es auch die Tüftlerin, die vielfältige Details ausarbeitet, Felszeichnungen kopiert, und geduldig unzählige kleine Gestalten entstehen lässt.

Zeitschichten heißt einer ihrer Bildbände. Und das Wort „Schichten“ taucht in vielen Worten auf, die mir zu Barbara Beers Bildern einfallen. Denn sie sind vielschichtig im vielfachen Sinn. Unter Farbschichten und Erdschichten finden sich Gefühlsschichten, Bewusstseinsschichten und Sinnschichten. Auch unterschiedliche Zeitschichten, Schichten von Frauengeschichte und Frauengeschichten, ihre eigene und die kollektiven, Menschheitsgeschichten und Urgeschichte.
Und weil die Bilder all diese Schichten haben, können sie verschiedenste Schichten in uns ansprechen, sie hervorlocken, sichtbar machen, Erinnerung wecken.
Sie geben Rätsel auf, manches bleibt angedeutet, die Bilder dürfen ihre Wirkung entfalten und in jeder und jedem individuelle Geschichten wecken. Neue Blickwinkel können jederzeit auftauchen. Auch für Barbara selbst. Sie ist eine Künstlerin, die ihre Bilder immer wieder neu entdeckt.

Auf welche Kraftquellen sie hindeuten, welche transformatorischen Impulse in ihnen versteckt sind, darüber ist Barbara immer wieder selbst verwundert. Denn wenn sie arbeitet, ist dies ein völlig intuitiver Schaffensprozess, meist ohne explizites Vorhaben. Das Schaffen ist gleichzeitig ein Bewusstwerdungsprozess. Entstehen lassen und überrascht werden von den Wendungen, die das Bild nimmt. Bedeutung erschließt sich hinterher.

Es sind tiefe Schichten, in die Barbaras Bilder reichen. Sie hat ihre Wurzeln tief in die Urgründe unserer menschlichen Kultur gegraben, zieht Wissen daraus hervor, über das sie selbst staunt. Barbara ist auf ihrer Suche nach Sinn und Geschichte auf Vorgeschichte und Frauengeschichte gestoßen und auf die heilsamen Aspekte darin, die uns heute bereichern können.

Und so reichen ihre Bilder in eine menschlichen Daseinsform, in der das Leben als eine Spirale von Werden, Gestalten und Vergehen gelebt wurde. Auch das Schmerzhafte und das Sterben haben darin und in Barbaras Bildern ihren Platz und durch die Eingebundenheit in Erdfarben, Feuerleuchten, Federn und Spiralen sind sie aufgehoben und werden heilsam verwandelt.

Die Erden bilden den tragfähigen Boden dafür, so dass das Eigene und Einzelne zurückfinden kann zu miteinander geteilten, kraftvollen und leidvollen Geschichten aus vielen Zeitschichten. In den erdenen Farbschichten von Barbaras Erdbildern kommt das Erbe kollektiver Frauen- und Menschheitsgeschichte an die Oberfläche.

Göttinnen aus allen Kulturen tauchen aus Erden aller Kontinente auf, manchmal flüchtig, dann wieder plastiziert, unübersehbar in ihrer Fülle. Frühgeschichtliche Symbole und ihre heilsame Wirkung suchen sich in Barbaras Bildern einen Weg durch viele Zeit- und Erdschichten hinein in die Gegenwart.


Während Barbara Schichten aus den menschlichen Urzeiten freilegt, macht sie sie uns wieder zugänglich, versetzt sie mit lebendiger Farbigkeit und holt sie ins Heute. Aus diesem erneuerten Humus aus Erdfarben steigen Frauenkörper auf, sie kommen direkt aus den Zeichnungen, Felsritzungen und Steinfunden der Steinzeithöhlen, und mischen sich wieder lebendig unter die Körper von Frauen heute, erinnern an verloren gegangene Kräfte und ebnen einen Weg der Heilung.

Es sind Schöpfungsprozesse, die Barbara uns zeigt, in dem sie selbst ihren kraftvollen Schöpferinnenimpulsen vertraut. Immer wieder sind es Geburt, Erschaffen und Vergehen, die sich als der große Schöpfungsprozess des Lebens in ihren Bildern zeigt. An irgendeinem Punkt lösen sich dann folgerichtig auch diese Formen, Symbole, diese Zeitschichten auf. In ihren abstrakten Werken aus Acrylfarben scheint das Ungeformte auf, das was hinter allen individuellen und kollektiven Geschichten und Schichten durchscheint, eine spirituelle Dimension, die sie in sich beim Malen erkundet.

Rede von Susanne Weik zur Finissage der Ausstellung „Erdmalerei“ im April 2014